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Dr. Christian Krogel

Was sind eigentlich "Multigensignaturen"?

veröffentlicht am 9.5.2018

Welche Patientinnen profitieren von dem neuen Testverfahren?
Das sind Patientinnen mit einem weniger aggressiven Brustkrebs. Bei ihnen stellt sich die Frage, wie hoch das Risiko ist, innerhalb der auf die Erstbehandlung folgenden 10 Jahre einen Rückfall zu erleiden, wenn wir auf die Chemotherapie verzichten. 

Das heißt bei Frauen mit aggressivem Brustkrebs stellt sich diese Frage gar nicht?
Genau, denn die benötigen auf jeden Fall eine Chemotherapie, in aller Regel in Kombination mit einem anderen zielgerichteten Medikament. 

Wann genau kommen dann solche Tests zum Einsatz?
Immer dann, wenn die herkömmliche Beurteilung des Rückfallrisikos kein eindeutiges Ergebnis bringt. Nehmen wir eine Beispielpatientin: Die Frau ist 55 Jahre alt, hat ihre Wechseljahre hinter sich, und die Tumorzellen reagieren ausschließlich auf hormonelle Wachstumssignale. Die Tumorzellen teilen sich vergleichsweise langsam und sind bezogen auf ihre innere Struktur gesunden Zellen noch recht ähnlich. Außerdem ist nur ein Lymphknoten mit Tumorzellen besiedelt. Diese Befunde lassen darauf schließen, dass das Rückfallrisiko innerhalb der nächsten 10 Jahre so niedrig ist, dass es durch eine Chemotherapie nicht weiter abgesenkt werden könnte.

Anders sieht es aus bei einer Patientin, bei der das Rückfallrisiko nicht so eindeutig zu bestimmen ist, wenn etwa viele Tumorzellen nicht nur auf hormonelle, sondern auch auf andere Wachstumssignale reagieren, die Teilungsgeschwindigkeit recht hoch ist, die Tumorzellen gesunden Zellen schon sehr unähnlich sind und nur ein Lymphknoten befallen ist. Diese Frau wäre eine Kandidatin für ein Testverfahren, das auf Multigensignaturen beruht, denn mit der herkömmlichen Bewertung kämen wir zu keinem eindeutigen Ergebnis. 

Was genau wird denn mit diesen Multigensignaturtests gemessen?
Gesucht wird sozusagen nach einem genetischen Fingerabdruck der Tumorzellen. Bestimmte genetische Konstellationen deuten auf eine höhere Zellteilungsgeschwindigkeit und damit auf ein schnelleres Tumorwachstum hin. Andere Gene verraten etwas über die Hormonempfindlichkeit der Tumorzelle. Je nachdem wie häufig diese Gene vorkommen und als Bauplanvorlage innerhalb der Tumorzelle genutzt werden, fällt oder steigt das Risiko für einen Rückfall. 

Und das so erhaltene Ergebnis ist tatsächlich eindeutig?
Sagen wir mal so: Alle Tests – in Deutschland sind vier verschiedene Tests im Einsatz – liefern ein Ergebnis, das besagt, es besteht ein hohes oder ein niedriges Rückfallrisiko. „Hoch“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass das Risiko mehr als 10 Prozent beträgt. Werte unter 10 Prozent gelten als „niedrig“; denn auch mit der besten Chemotherapie gelingt es nicht, das Rückfallrisiko für die folgenden 10 Jahre auf unter 10 Prozent zu senken. 

Wie sieht es mit Grenzfällen aus? Wenn zum Beispiel das Risiko 9,5 Prozent beträgt?
Dann kommt es auf verschiedene Faktoren an. Zwei der vier Tests ordnen Frauen mit grenzwertigen Befunden in eine dritte Gruppe ein: das sind Tumoren mit intermediärem, also mittlerem Rückfallrisiko. Bei diesen Frauen gibt also selbst ein Multigensignatur- Test keine eindeutige Auskunft über den Nutzen einer zusätzlichen Chemotherapie. Trotzdem muss auch in solchen Fällen gehandelt werden, sprich, man entscheidet sich gegen oder für eine Chemotherapie. Das müssen Arzt und Patientin dann gemeinsam sorgfältig abwägen. 

Übernehmen die Krankenkassen die Kosten für Multigensignatur-Tests?
Wir müssen dazu einen eigenen Antrag stellen, die Kostenübernahme ist leider nicht immer gewährleistet.

Was sind eigentlich "Multigensignaturen"?