Vitaminpräperate
Vitamin- und Mineralstoff-Präparate sind nur selten sinnvoll
Dass Obst und Gemüse – möglichst fünfmal am Tag – sehr gesundheitsfördernd sind, hat sich mittlerweile herumgesprochen, selbstverständlich auch in der Lebensmittelindustrie. Vom ACE-Saft über vitaminangereichertes Müsli bis hin zu preiswerten Vitaminkapseln aus dem Supermarkt: All diese Produkte scheinen dem Verbraucher zu signalisieren „Gesundheit kann man einfach einnehmen“.
Bis in die 1990er Jahre war diese Überzeugung auch unter seriös arbeitenden Forschern durchaus verbreitet. Hintergrund waren Befunde, wonach Krebspatienten und Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen häufig auch unter einem Vitamin- und Mineralstoffmangel litten. In der Annahme, dass Mangel und Krankheit in einem ursächlichen Zusammenhang stehen, wurden Präparate mit sogenannten isolierten Vitalstoffen, also einzelnen Vitaminen und Mineralstoffen entwickelt, die vor Krebs schützen sollten.
Häufiger Lungenkrebs nach Vitamin-Einnahme
Die Ergebnisse der finnischen ATBC- und der US-amerikanischen CARET-Studie ließen 1994 und 1996 erstmals Zweifel am Nutzen der Vitamin-Einnahme aufkommen. 29.000 Raucher zwischen 50 und 69 Jahren nahmen an der finnischen Studie teil. Herausgefunden werden sollte, ob die Einnahme von Tocopherol (Vitamin E) oder die von Beta-Carotin (Provitamin A) sich günstig auf das Lungenkrebsrisiko auswirkt. Die ernüchternden Ergebnisse nach siebeneinhalb Jahren: Vitamin E hat keinen schützenden Einfluss. Unter Provitamin A nahm die Häufigkeit neu diagnostizierter Lungenkrebs-Erkrankungen sogar zu, genau von 3,5 auf 4,5 Prozent.
Ganz ähnlich die Ergebnisse der CARET-Studie: Von den etwa 18.000 teilnehmenden Rauchern und Asbest-Arbeitern erkrankten im Lauf der vierjährigen Studiendauer ausgerechnet diejenigen häufiger an Lungenkrebs, die eine Kombination aus Vitamin A und Provitamin A eingenommen hatten. Die Lungenkrebsrate betrug in dieser Gruppe 2,2 Prozent, in der Placebo-Gruppe nur 1,7 Prozent.
Hochdosierte Antioxidantien eher schädlich
Das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin warnt aufgrund zweier weiterer Studien vor der Einnahme hochdosierter sogenannter Antioxidantien. Unter dieser Bezeichnung werden Vitamine und Mineralstoffe zusammengefasst, die Körperzellen vor Schäden durch hochaktive Sauerstoffmoleküle schützen sollen.
Im Reagenzglas wirken diese Antioxidantien tatsächlich so, im menschlichen Körper aber – so das ernüchternde Ergebnis einer 2007 veröffentlichten Auswertung von 68 Einzelstudien – ist kein positiver Effekt nachweisbar; im Gegenteil: Die allgemeine Sterblichkeitsrate war in der Antioxidantien-Gruppe höher als in der Gruppe derjenigen Studienteilnehmer, die keinerlei Vitamin- oder Mineralstoffpräparate eingenommen hatten. Ein ursächlicher Zusammenhang konnte zwar nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden, die wissenschaftliche Gemeinschaft war jedoch beunruhigt.
Die Zweifel an der Wirksamkeit isolierter Vitamine und Mineralstoffe wuchsen im Herbst 2008: In den USA musste die SELECT-Studie abgebrochen werden, weil ein schützender Einfluss von Selen und Vitamin E auf das Prostatakarzinom-Risiko nicht nachgewiesen werden konnte.
Fazit: Vitamin- und Mineralstoffgabe nur im Einzelfall
Es gibt Situationen, in denen die Gabe von Vitaminen und Mineralstoffen sich als sinnvoll erwiesen haben: Jod-Mangel-Zustände lassen sich mit Jod-Präparaten behandeln; Frauen, die schwanger werden wollen, sollten ein Folsäure-Präparat einnehmen, um Schäden beim Neugeborenen zu verhindern.
Falls wir bei Ihnen persönlich einen Vitamin- oder Mineralstoffmangel feststellen, so lässt sich der für begrenzte Zeit mit einem geeigneten Medikament ausgleichen.
Ganz allgemein aber gilt: Die beste Vitamin- und Mineralstoffversorgung erhalten Sie durch frisches Obst und frisches Gemüse, und das möglichst mehrmals am Tag: Damit sind Sie auf der sicheren Seite.