Dr. Renate Uhle - Dr. Gerd Müller
Dr. Hendrik Kröning - PD Dr. Kathleen Jentsch-Ullrich

Sentinel- oder Wächter-Lymphknoten

Über das Lymphsystem können Krebszellen von einem Tumor aus vergleichsweise schnell in andere Körperregionen vordringen

Ob Krebszellen von einem Tumor tatsächlich schon in Lymphknoten der Umgebung vorgedrungen sind, muss deshalb sorgfältig geprüft werden. Dank eines vergleichsweise neuen Verfahrens reicht es heute, zunächst nur einen einzigen, nämlich den so genannten Wächter-Lymphknoten zu untersuchen.

Lymphknoten sind „hintereinander geschaltet“

Das dahinter stehende Konzept ist vergleichsweise einfach: Wie viele andere Zellen nutzen auch Krebszellen die Lymphbahnen als Transportwege. Gewebeflüssigkeit, die vom Tumor aus zusammen mit Tumorzellen abgeleitet wird, gelangt nicht gleichzeitig in mehrere, sondern immer erst in einen oder einige wenige, sehr eng beieinander liegende Lymphknoten. Die Lymphknoten sind als Filterstationen gewissermaßen hintereinander geschaltet.

Mit anderen Worten: Wenn der erste der Lymphknoten im Abflussgebiet des Tumors nicht von Krebszellen befallen ist, dann sind mit sehr großer Sicherheit auch die anderen Lymphknoten in diesem Gebiet tumorfrei. Dieser erste Lymphknoten wird deshalb auch als Wächter- oder fachsprachlich als Sentinel-Lymphknoten bezeichnet. Ist er allerdings von Krebszellen befallen, müssen auch die dahinter liegenden Lymphknoten auf Tumorzellen geprüft werden.

Am weitesten fortgeschritten ist das Verfahren bei der operativen Behandlung des Mammakarzinoms. Die Entfernung von Achsel-Lymphknoten auf der betroffenen Seite gehört seit langem zum Standard jeder operativen Behandlung. Denn die therapeutische Strategie ist abhängig davon, ob Lymphknoten befallen sind oder nicht. Wenn Tumorzellen in Lymphknoten nachweisbar sind, reichen Operation und Strahlentherapie als lokale Behandlungsformen nicht mehr aus; zusätzlich ist dann eine Chemotherapie notwendig, die ja auf den gesamten Organismus, also auch auf die Tumorzellen in den Lymphknoten wirkt.

Wie gesagt, dieser Zusammenhang ist schon lange klar. Bevor das Konzept des Sentinel-Lymphknotens entwickelt war, wurden aus der Achsel der betroffenen Seite jeder Brustkrebspatientin mindestens zehn Lymphknoten entnommen und feingeweblich untersucht. Diese so genannte Axilladissektion oder axilläre Lymphonodektomie (ALN) hat für die Patientin allerdings unangenehme Nebenwirkungen. Wegen der fehlenden Lymphknoten kann die Gewebeflüssigkeit nicht mehr abfließen; Bewegungseinschränkungen in der Schulter und vor allem schmerzhafte Schwellungen in Fingern, Handrücken und Armen können die Folge sein.

Aber nur bei etwa 20 bis 40 Prozent der Brustkrebspatientinnen sind die Lymphknoten in den Achselhöhlen tatsächlich mit Tumorzellen befallen. Nur sie profitieren von der großzügigen Entfernung der Lymphknoten, bei 60 bis 80 Prozent aller Brustkrebspatientinnen hat sie dagegen nicht nur keine Vorteile, sondern darüber hinaus die genannten unerwünschten Nebenwirkungen. Mit der Einführung der Sentinel-Technik hat sich genau diese Situation geändert: Zunächst wird nur ein einziger oder werden nur einige wenige Lymphknoten entfernt; erst wenn sich herausstellt, dass dieser Sentinel-Knoten befallen ist, müssen auch die anderen Lymphknoten entfernt werden. Für die große Mehrheit der Brustkrebspatientinnen ist dies aber nicht der Fall. Sie profitieren von dieser Technik, weil ihnen die Nebenwirkungen einer Axilladissektion erspart bleiben.

Wie findet man den Wächter?

Ein Sentinel-Lymphknoten sieht im Operationsfeld nicht anders aus als alle anderen Lymphknoten. Um den richtigen Knoten zu finden, muss man ihn markieren. Das gelingt durch die Injektion eines Farbstoffs und/oder einer radioaktiv markierten Substanz vor der Operation in der Nähe des Tumors. Beide Markierungsmethoden werden meist zusammen eingesetzt. Farbstoff und Radioisotop werden über Lymphbahnen in den Sentinel-Lymphknoten gespült. Der Farbstoff ist im Operationsverlauf mit bloßem Auge sichtbar (siehe Abbildung), die Anreicherung der Radioaktivität wird mit einer speziellen Kamera gemessen. Der auf diese Weise markierte Sentinel-Knoten kann dann identifiziert und zur Untersuchung entnommen werden.

Wenn Achsel-Lymphknoten bereits tastbar vergrößert sind, ist der Befall mit Tumorzellen wahrscheinlich. In diesem Fall macht die Sentinel-Technik keinen Sinn. Der Operateur wird dann von vornherein mehrere Lymphknoten entfernen.

Beim so genannten Carcinoma in situ (CIS) – das ist eine Frühform von Brustkrebs – ist die Lymphknotenentfernung überhaupt nicht notwendig, auch nicht die des Sentinel-Knotens; denn ein CIS streut nach heutigem Kenntnisstand keine Zellen.

Sentinel- oder Wächter-Lymphknoten