Dr. Renate Uhle - Dr. Gerd Müller
Dr. Hendrik Kröning - PD Dr. Kathleen Jentsch-Ullrich

Prostatakrebs und Sexualität (alt)

Was ist zu bedenken?

Nach der Erstdiagnose eines Prostatakarzinoms ist in den allermeisten Fällen genügend Zeit, um sich sorgfältig für eine der bestehenden Behandlungsmöglichkeiten zu entscheiden. Soweit die gute Nachricht. Andererseits führt jede der verfügbaren Therapien bei den allermeisten Patienten irgendwann zum Verlust der sexuellen Potenz. Nach welchen Kriterien soll man sich in einer solchen Situation für oder gegen eine konkrete Behandlungsform entscheiden?

Wenn Sie einen Patienten darüber aufklären, dass zur Behandlung seines Karzinoms die gesamte Prostata operativ entfernt werden muss, reden Sie dann auch über Sexualität?

Das ist ein zentraler Punkt in jedem Aufklärungsgespräch. Man muss dem einzelnen Patienten ganz klar sagen, dass selbst ein Jahr nach der Behandlung nur fünf bis zehn Prozent der Patienten sexuell wieder aktiv sein können.

Welche Rolle spielt dabei das Alter des Patienten?

In Bezug auf die sexuelle Aktivität würde ich keine Altersabhängigkeit akzeptieren, das ist ganz und gar vom Einzelfall abhängig. Man kann nicht pauschal sagen, dass unter 70-Jährige mit den Folgen einer Operation besser klar kommen als über 80-Jährige.

Jetzt mal ganz konkret: Wann würden Sie einem Patienten zum wachsamen Abwarten und wann zur sofortigen Operation raten?

Diese Frage lässt sich nur anhand von Beispielen beantworten. Also: Nehmen wir mal an, der Patient ist 73 Jahre alt, hat einen lokal begrenzten Tumor mit noch gut differenzierten, sprich mit Zellen des Grades G1 und einem PSA-Wert von 6, dann würde ich zu keinerlei Therapie, sondern zu dreimonatigen PSA-Kontrolluntersuchungen raten. Sie können nämlich davon ausgehen, dass etwa 60 Prozent aller Männer über 70 einen derartigen Befund haben; die meisten wissen es nur nicht.

Und wann muss man unbedingt etwas tun?

Einen 60-jährigen Patienten mit nicht metastasiertem, lokal begrenztem Prostatakarzinom und nur wenig differenzierten G3-Zellen mit einem PSA-Wert von 10 würde ich sehr klar und eindeutig über die Folgen einer Nicht-Behandlung aufklären; dieser Mann spielt, wenn er die Behandlung verweigert, mit seinem Leben.

Sind die Nebenwirkungen einer Strahlentherapie genauso schlimm?

Auch nach einer Strahlentherapie klagt mehr als die Hälfte der Patienten über sexuelle Impotenz. Zu den weniger dramatischen Nebenwirkungen gehört die Verletzung der empfindlichen Schleimhäute, die meist wenige Wochen nach der Strahlentherapie wieder abheilen.

Das hört sich so an, als wäre die Bestrahlung in Bezug auf die Nebenwirkungen zunächst mal die bessere Behandlung.

Das lässt sich so pauschal wieder nicht sagen. Mit entscheidend ist der körperliche Allgemeinzustand vor der Behandlung. Narkose und Operation können für den Patienten weniger belastend sein als eine unter Umständen wochenlange Strahlentherapie.

Bliebe noch die Antihormon-Therapie. Durch die medikamentöse Blockade der Sexualhormonproduktion geht die Potenz ja auch verloren.

In der Tat; es gibt aber einen wichtigen Unterschied: Nach der chirurgischen Entfernung der Prostata ist die Lust auf Sex, also die Libido überhaupt nicht eingeschränkt, weil die körpereigene Hormonproduktion noch funktioniert. Wenn dagegen die Hormonproduktion geblockt ist, geht neben der sexuellen Potenz auch die Libido zurück. So zynisch das für Außenstehende klingen mag: Männer unter Antihormon-Behandlung leiden nicht unter ihrer Impotenz, weil sie einfach keine Lust mehr auf Sex haben.

Beraten Sie eigentlich auch die Partnerin des Patienten?

Grundsätzlich weise ich den Patienten darauf hin, dass es wichtig ist, mit der Partnerin über den Verlust der Potenz zu sprechen. Selbstverständlich kann der Patient seine Partnerin auch zu einem Gesprächstermin mitbringen. Das passiert allerdings selten.

Stimmt also das Klischee, dass Männer gesundheitliche Probleme lieber nur mit sich und ihrem Arzt ausmachen?

Nicht wirklich. Gerade Patienten mit Prostatakarzinom gehen meiner Erfahrung nach überdurchschnittlich häufig in Selbsthilfegruppen, um sich mit anderen betroffenen Männern auszutauschen.

Prostatakrebs und Sexualität (alt)