Dr. Gerd Müller - Dr. Hendrik Kröning
PD Dr. Kathleen Jentsch-Ullrich - Dr. Dagmar Tietze
Dr. Christian Krogel

Neue Behandlungsverfahren

Bösartige Tumoren müssen möglichst spurlos beseitigt werden, will man ein optimales Behandlungsergebnis erzielen So lautet das auch heute noch gültige Dogma der Onkologie. Seit Jahrzehnten stehen zur Krebsbehandlung drei Standard-Werkzeuge zur Verfügung die Operation, die Strahlentherapie und die im gesamten Organismus wirkende Chemotherapie. Mit dem wachsenden Verständnis über die Entstehung der Tumoren haben sich aber auch die Werkzeuge zu ihrer Behandlung weiterentwickelt.

Stand der Information: Juli 2012

Je selektiver, desto wirksamer
Zum Beispiel die Chemotherapie: Sie ist umso wirksamer – und gleichzeitig nebenwirkungsärmer –, je mehr es gelingt, die zellabtötende Wirkung des Medikaments auf Tumorzellen zu beschränken und gesunde Körperzellen zu verschonen. Alle in den letzten Jahren entwickelten wirklich neuen Behandlungsverfahren setzen deshalb an Strukturen oder Prozessen an, die in erster Linie oder besonders häufig in Tumorzellen vorkommen. Viele Mediziner sprechen daher von zielgerichteter Therapie oder englisch targeted therapy. Ein Ansatzpunkt ist beispielsweise das schnelle Wachstum vieler Tumoren.

Zellwachstum und Zelltod unterliegen normalerweise streng kontrollierten Prozessen.  Für die Initiierung des eigentlichen Wachstums – also für die Ankurbelung der Zellteilung – spielen sogenannte Wachstumsfaktoren eine wichtige Rolle. Wachstumsfaktoren müssen, um eine Zelle zur Teilung anzuregen, zunächst an einem sogenannten Rezeptor an der Zellaußenseite „andocken“. Wachstumsfaktor und Rezeptor kann man sich bildlich wie Schlüssel und Schloss vorstellen, die genau zueinander passen. Die Anlagerung des Wachstumsfaktors am Rezeptor löst im Inneren der jeweiligen Zelle eine Reihe von Reaktionen aus, die schließlich zur Teilung der Zelle, also zum Wachstum des Tumors führt. Die im Zellinneren ablaufende Weiterleitung der Information bezeichnen Mediziner auch als Signaltransduktion, denn das ursprünglich von außen über den Wachstumsfaktor vermittelte Signal wird über die Zellgrenze hinweg im Inneren der Zelle weitergeführt.

Substanzen wie Imatinib, Erlotinib, Gefitinib oder Lapatinib hemmen die Weiterleitung des Wachstumssignals im Zellinneren, sie sind Signaltransduktions-Hemmstoffe. Ihre Wirkung entfalten sie, indem sie sozusagen eine Station innerhalb der Signalübertragungs - kette lahmlegen. Das geschieht über die Inaktivierung eines Enzyms mit dem Namen Tyro - sinkinase. Die genannten Substanzen werden deshalb auch als Tyrosinkinase-Inhibitoren oder kurz TKI bezeichnet.

 

Hemmung der Signaltransduktion: Wachstumsfaktoren docken auf der Zellaußenseite an einen Rezeptor an. Das Signal zur Zellteilung wird über mehrere Stationen bis zum Zellkern weitergeleitet (1). Diese Weiterleitung im Zellinneren können Medikamente wie Lapatinib unterbrechen (2). Auf der Außenseite der Zelle kann ein Antikörper wie Trastuzumab den Rezeptor regelrecht blockieren. Die Signaltransduktion kommt gar nicht erst in Gang (3)

Tumorzellen teilen sich sehr schnell
Tumorzellen sind in der Lage, ihr Wachstum irrsinnig zu beschleunigen. Denn sie produzieren nicht nur vermehrt Wachstumsfaktor- Rezeptoren an ihrer Außenseite, sie sondern auch die passenden Wachstumsfaktoren in die Umgebung ab. Auf diese Weise stimulieren sie ihr eigenes Wachstum selbst und sind damit einer übergeordneten Kontrolle durch den Organismus weitgehend entzogen. Forscher überall auf der Welt haben mittlerweile ganze Familien unterschiedlicher Wachstumsfaktoren identifiziert. Zu den am besten untersuchten gehören beispielsweise die Wachstumsfaktoren erbB-1 und erbB-2. Letzterer ist auch unter dem Namen Her2/neu bekannt. Bei etwa 15 Prozent aller Brustkrebs - patientinnen ist der Rezeptor für erbB-2 beziehungsweise Her2/neu auf der Oberfläche der Tumorzellen nachweisbar. Dieser Rezeptor lässt sich mit dem monoklonalen Antikörper Trastuzumab blockieren. Mit dieser Antikörpertherapie lässt sich das Risiko für einen krebsbedingten Tod von Brustkrebs - patientinnen mit Her2/neu-positiven Tumoren deutlich senken.

Der Signaltransduktions-Hemmstoff Lapatinib wirkt ebenfalls auf Zellen mit erbB-2-Rezeptoren, aber nicht – wie der Antikörper Trastuzumab – von außen, sondern vom Innerender  elle aus. Während Trastuzumab verhindert, dass der Wachstumsfaktor am passenden Rezeptor auf der Zellaußenseite andocken kann, wirkt Lapatinib erst in der Zelle und unterbricht dort die Weiterleitung des Wachstumssignals.

Biologicals
Anders als Stahl, Strahl und Chemie greifen die hier vorgestellten Behandlungskonzepte  sehrzielgerichtet in die Biologie einzelner Zellen ein. Die zu diesem Zweck eingesetzten Wirkstoffmoleküle werden deshalb häufig zusammenfassend auch als Biologicals bezeichnet. In die zielgerichtete Therapie mit Biologicals setzen Experten hohe Erwartungen. Denn sie ermöglicht eine auf die Charakteristika des einzelnen Tumors zugeschnittene und damit eine individuell sehr erfolgversprechende Behandlung.