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Dr. Christian Krogel

Mit energiereichen Strahlen gegen den Krebs

Die Anwendung energiereicher Strahlen gehört neben Chirurgie und Chemotherapie zu den klassischen Säulen der Krebstherapie. Mittlerweile lässt sich ihre Wirkung meist zielgenau bündeln, und früher gefürchtete Nebenwirkungen treten deshalb nur noch selten auf.

Strahlen werden in der Medizin nicht nur zur diagnostischen Bildgebung, sondern auch als therapeutische Instrumente eingesetzt: Ärztliche Strahlentherapeuten nutzen entweder elektromagnetische Wellen (wie Gamma- oder Röntgenstrahlen) oder Teilchenstrahlung (vor allem Protonen oder ganze Ionen), um Tumorzellen abzutöten. Die Bestrahlung kann von außen durch die Haut („perkutan“) stattfinden; eine solche Behandlung veranlassen Ärzte beispielsweise regelmäßig nach der chirurgischen Entfernung eines Mammakarzinoms, um etwaige noch vorhandene Tumorzellen in der befallenen Brust oder der zugehörigen Lymphknotenregion zu zerstören.

Als Brachytherapie dagegen wird die Strahlentherapie bezeichnet, wenn die Strahlungsquelle direkt in das Tumorgewebe oder in seiner unmittelbaren Nähe platziert wird. Tumoren der Speiseröhre werden auf diese Weise „von innen“ bestrahlt. Auch beim Krebs der Vorsteherdrüse besteht eine Behandlungsoption darin, Partikel, die energiereiche Strahlen abgeben, direkt in das Tumorgewebe einzubringen.

Nuklearmediziner verabreichen Medikamente mit Radionukliden

Gleichgültig ob Strahlentherapeuten eine Bestrahlung von außen oder von innen veranlassen: Die Strahlungsquellen gelangen nicht in den Stoffwechsel des Patienten. Genau das aber geschieht in der Nuklearmedizin. Vertreter dieser medizinischen Teildisziplin verabreichen ihren Patienten Medikamente, die sogenannte Radionuklide enthalten. Seit wenigen Jahren praktizieren Nuklearmediziner beispielsweise die Selektive intraarterielle Radiotherapie, kurz SIRT genannt. Mit dieser Behandlung lassen sich bestimmte Leberkarzinome oder auch isolierte Lebermetastasen bekämpfen. Winzig kleine, mit radioaktivem Yttrium beladene Mikrosphären werden dazu per Infusion in die Leberarterie eingebracht und gelangen so in die Leber, wo sie ihre tumorzellzerstörende Wirkung entfalten.Protonen und andere Teilchen

Eine Strahlentherapie wirkt umso besser, je genauer ein Tumor von der Strahlung getroffen wird. Und in dieser Hinsicht haben elektromagnetische Strahlen durchaus Nachteile. Nach ihrem Auftreffen auf die Haut verlieren sie sehr schnell an Intensität. Mit anderen Worten: Vergleichsweise tief sitzende Tumoren sind für elektromagnetische Wellen kaum erreichbar, und wenn, dann auf Kosten der davor liegenden gesunden Zellen.

Einen möglichen Ausweg aus diesem Dilemma bietet die Teilchenstrahlung. Protonen als Teile von Atomkernen oder auch ganze Kohlenstoff- oder Heliumatome durchdringen die ersten Schichten nahezu ungebremst und verlieren kaum Energie. Erst unterhalb einer definierten Geschwindigkeit geben sie ihre maximale Energie ab. Durch entsprechende Beschleunigung lässt sich deshalb der Punkt der Energieentladung sehr genau berechnen. Die Bestrahlung mit Protonen oder anderen Teilchen ist derzeit allerdings nur in wenigen Zentren möglich.

Nebenwirkungen abhängig vom Bestrahlungsort

Nach einer Therapie mit energiereichen Strahlen klagen viele Patienten vorübergehend über anhaltende Müdigkeit und Abgeschlagenheit. Auch Kopfschmerzen und Appetitlosigkeit kommen vor. Diese Symptome verschwinden jedoch meist nach kurzer Zeit. Schwerwiegender können Beeinträchtigungen in den Körperregionen sein, in denen die Strahlentherapie durchgeführt wurde. Besonders empfindlich sind die Schleimhäute in Mund und Verdauungstrakt, aber auch Blase und Geschlechtsorgane.

Je nach Intensität und Dauer der Behandlung kann diese nach etwa 20 Jahren zu einer neuen, strahlungsbedingten Krebserkrankung führen. Dieses Risiko wird jedoch sorgfältig gegen den Nutzen der aktuellen Behandlung abgewogen.