Dr. Gerd Müller - Dr. Hendrik Kröning
PD Dr. Kathleen Jentsch-Ullrich - Dr. Dagmar Tietze
Dr. Christian Krogel

Medikamentöse Krebsbekämpfung

Krebszellen sind in ihrem Erbgut geschädigte, ursprünglich gesunde Körperzellen. Gesunde Zellen werden in ihrem Wachstum durch verschiedene Steuerungsinstrumente des Körpers reguliert. Sie verfügen über zelleigene Werkzeuge, um Schäden an ihrer Erbsubstanz zu reparieren. Wenn ein Schaden sich als irreparabel erweist, läuft in ihnen eine Art Selbstmordprogramm ab, das heißt sie sterben ab, um für den Organismus nicht zur Gefahr zu werden. Krebszellen hingegen entziehen sich dieser Kontrolle; je mehr ihnen das gelingt, desto bedrohlicher werden sie für den Patienten, weil sie aggressiv und unaufhörlich wachsen.

 

Zellteilung blockieren, Wachstumssignale ausschalten, Immunsystem gezielt aktivieren

Die teilweise enorme Zellteilungsgeschwindigkeit ist ein Merkmal vieler Krebszellen. Wenn es gelingt, mit einem Medikament vorzugsweise schnell wachsende Zellen zu schädigen, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass damit in erster Linie Krebszellen bekämpft werden. Viele Krebsmedikamente wirken nach genau diesem Muster. In den letzten zehn Jahren ist darüber hinaus zunehmend besser verstanden worden, auf welchen Wegen Tumorzellen Signale zur Zellteilung erhalten. Immer häufiger gelingt es heute, diese Wachstumssignale ganz gezielt zu stoppen und so dafür zu sorgen, dass das Teilungssignal den Zellkern nicht erreicht. Das Tumorwachstum kommt zum Stillstand.

 

Die Bekämpfung sich schnell teilender Zellen und die Ausschaltung von Wachstumssignalen: Das waren bis vor kurzem die Hauptstrategien in der medikamentösen Krebstherapie. Erst seit wenigen Monaten erweist sich ein dritter Weg als außerordentlich erfolgreich – zumindest bei einigen Krebsarten. Mit sogenannten Immun-Checkpoint-Inhibitoren gelingt es, das patienteneigene Immunsystem gegen den Krebs zu aktivieren. Krebszellen sind offenbar in der Lage, sich dem Zugriff durch eine bestimmte „Tarnung“ zu entziehen. Die neuen Medikamente enttarnen Tumorzellen gewissermaßen und ermöglichen so eine erstaunlich wirksame Bekämpfung.

 

Allen drei Strategien ist eines gemeinsam: Es geht darum, die Zellvermehrung zu hemmen. Medikamente, mit denen so etwas möglich ist, werden ganz allgemein als Chemotherapeutika bezeichnet. Wenn sie im Wesentlichen gegen körpereigene Zellen – also auch gegen Tumorzellen – wirken, werden sie Zytostatika genannt. Wirken sie dagegen in erster Linie gegen körperfremde Zellen – beispielsweise krankmachende Bakterien –, dann werden sie Antibiotika genannt. Diese sind unverzichtbar für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten, kommen aber auch in der Tumortherapie zum Einsatz. Anthrazykline zum Beispiel sind wichtige antibiotisch wirksame Medikamente bei der Behandlung bestimmter Brustkrebsarten.

 

 

Strategie I: Medikamente zur Hemmung der Zellteilung

Ein Gewebe kann nur wachsen, wenn sich seine Zellen teilen; auch ein Tumor wächst nur, wenn sich Tumorzellen teilen (siehe Kasten oben). Medikamente zur Hemmung der Zellteilung greifen in diesen Zellteilungsprozess an unterschiedlichen Stellen ein, zum Beispiel bei der Ver- und Entpackung der Erbsubstanz, beim eigentlichen Kopiervorgang oder beim Wandern der Chromosomen von der Zellmitte zum Zellende. Wieder andere Medikamente destabilisieren das für die Transportvorgänge notwendige Gerüst. Die Wirkung all dieser Substanzen ist immer die gleiche: Die Zellteilung wird erheblich gestört und kommt im besten Fall zum Erliegen.

 

Monoklonale Antikörper blockieren die Membranrezeptoren an der Außenseite der Tumorzelle. Das Signal zur Zellteilung kommt nicht zustande [oben]. Kinase-Inhibitoren unterbrechen die Weiterleitung des Signals zur Zellteilung im Inneren der Tumorzelle, selbst wenn von außen Wachstumsfaktoren an die Rezeptoren binden [unten].

 

Strategie II: Ausschalten wachstums fördernder Signale

Tumorzellen sind in der Lage, ihr Wachstum selbst zu verstärken. Sie produzieren sogenannte Wachstumsfaktoren und geben sie in ihre Umgebung ab. Diese Moleküle suchen sich passende Bindungsstellen auf der Oberfläche von Tumorzellen. Sobald sie „andocken“, lösen sie ein Signal aus, das vom Rezeptor auf der Außenmembran der Zelle ins Zellinnere und dann über mehrere Stationen bis in den Zellkern gelangt. Im Zellkern wird das Signal als Aufforderung zur Zellteilung „verstanden“ (Abbildung).

 

Dieses wachstumsfördernde Signal lässt sich auf mindestens zwei Wegen ausschalten: Im Labor lassen sich sogenannte Antikörper herstellen, die auf die Rezeptoren der Zellaußenseite noch besser passen als die Wachstumsfaktoren. Damit ist der Rezeptor blockiert, und es kommt kein wachstumsförderndes Signal zustande. Darüber hinaus lässt sich das Signal aber auch im Inneren der Zelle noch aufhalten, und zwar mit sogenannten Kinase-Inhibitoren. Sie blockieren die Weitergabe des Signals an einer genau definierten Stelle.

 

Strategie III: Gezielte Aktivierung des eigenen Immunsystems

Schon lange haben Ärzte und Wissenschaftler vermutet, dass es möglich sein müsste, das Immunsystem des Patienten gezielt für die Tumorbekämpfung einzusetzen. Aber erst seit wenigen Jahren ist klar, wie sich Tumorzellen dem Zugriff von Abwehrzellen entziehen können. Tumorzellen greifen in die Regulation der Immunabwehr ein, indem sie einen Schalter auf spezialisierten Abwehrzellen quasi umlegen. Daraufhin stellt die Abwehrzelle sofort ihr Tötungsprogramm ein. Was für den Schutz gesunder Zellen vor überschießender Immunreaktion vorgesehen ist, nutzt die Tumorzelle so für die eigene Tarnung. Mit neuen Medikamenten, sogenannten Immun-Checkpoint-Inhibitoren, ist es mittlerweile möglich, das Umlegen des Schalters zu blockieren. Die Abwehrreaktion gegen die Tumorzelle kommt in Gang. Besonders beim schwarzen Hautkrebs, bei bestimmten Lungenkrebsarten und wohl auch bei bestimmten Nierenzellkarzinomen ist diese Strategie erfolgversprechend.

Ein Wort zu Nebenwirkungen

Zytostatika, die vor allem gegen sich schnell teilende Zellen wirksam sind, schädigen auch gesunde Zellen, die sich schnell teilen. So kann es zu Beeinträchtigungen in der Infektabwehr kommen, weil die Produktion weißer Blutkörperchen eingeschränkt ist. Weil die Schleimhauterneuerung gestört ist, kommt es häufiger zu Entzündungen der Mundschleimhaut, regelmäßig auch zu Übelkeit. Und nicht zuletzt die Störung der Haarfollikelbildung, sprich der vorübergehende Haarverlust, ist eine klassische Nebenwirkung der zytostatischen Chemotherapie.

 

Kinase-Inhibitoren, die bei einigen Leukämieformen als Standardtherapie gelten und auch bei manchen Lungenkrebsformen eingesetzt werden, verursachen nur selten schwere Nebenwirkungen. Zu Beginn der Behandlung kann es zu Hautreaktionen und Verdauungsproblemen (Durchfall) kommen.

 

Patienten, die mit den noch sehr neuen Immuntherapeutika behandelt werden, bedürfen einer besonders sorgfältigen Überwachung, denn die Aktivität des Immunsystems kann sich unter Umständen auch gegen gesunde Zellen richten. Entzündungen, zum Beispiel im Verdauungstrakt, können die Folge sein.

 

Insgesamt haben sich die Optionen zur medikamentösen Krebsbekämpfung in den letzten Jahren enorm verbessert. Mehr als 100 Substanzen stehen für eine zielgenaue Therapie zur Verfügung. Sie können sicher sein: Ihre Behandlung, gleich mit welchem Chemotherapeutikum, ist immer das Ergebnis einer sorgfältigen Abwägung von Nutzen und Risiko.