Was kann man gegen Verstopfung tun?
Besonders Tumorpatienten leiden häufig darunter, erst Recht wenn sie wegen ihrer Schmerzen mit morphinähnlichen Medikamenten behandelt werden
Besonders Tumorpatienten leiden häufig darunter, erst Recht wenn sie wegen ihrer Schmerzen mit morphinähnlichen Medikamenten, so genannten Opioiden, behandelt werden. Was kann man gegen Verstopfung tun?
Was genau verstehen Sie eigentlich unter Verstopfung?
Das hängt wesentlich davon ab, um welche Patienten es geht. Bei ansonsten gesunden Menschen spricht man von Verstopfung, wenn sie weniger als zwei- bis dreimal pro Woche Stuhlgang haben und/oder wenn ihr Stuhl besonders hart und trocken ist.
Bei Tumorpatienten gelten andere Kriterien?
Ja. Grundsätzlich sollten Tumorpatienten mindestens jeden zweiten Tag ihren Darm entleeren, und zwar ohne übermäßige Anstrengung. Das gilt erst recht für solche Tumorpatienten, die wegen ihrer Schmerzen mit Opi-oiden – also mit morphinähnlichen Substanzen – behandelt werden.
Warum sind die besonders anfällig?
Weil die Schmerzmittel nicht nur die Schmerzweiterleitung im bewussten Nervensystem ausschalten, sondern weil sie in gewisser Weise auch das Nervensystem des Darms lahm legen. Die natürliche Bewegung des Darms funktioniert deshalb nur noch eingeschränkt, der Stuhl wird nicht weitertransportiert und es kommt zur Obstipation.
Was empfehlen Sie Ihren Patienten, die unter Verstopfung leiden. Sollen die besonders viel Vollkornbrot essen?
Natürlich ist es prinzipiell sinnvoll, die Ernährung anzupassen; aber mit dem Essen haben Tumorpatienten ohnehin eher ein Problem. Sie essen meist wenig, und die Empfehlung, Vollwertkost zu sich zu nehmen, mag prinzipiell richtig sein, aber sie ist häufig nicht realisierbar. Wichtig ist es, in dieser Situation auf jeden Fall genügend zu trinken, eineinhalb bis zwei Liter pro Tag sollten es schon sein, gerne auch mehr.
Was kann man sonst noch tun?
Viele Tumorpatienten bewegen sich weniger als sie eigentlich könnten, und auch das macht den Darm träge. Ein- oder zweimal pro Tag für eine halbe Stunde einen Spaziergang machen, ist hilfreich. Außerdem empfehlen wir immer, die gewohnten Toiletten-Rituale beizubehalten.
Was meinen Sie damit?
Nun, viele Menschen gehen zu festen Zeiten zur Toilette: nach dem Frühstück, dem Mittagessen oder dem Abendessen. Manche nehmen sich auch gern Lektüre mit. Möglicherweise haben sie früher auch Trockenpflaumen oder ähnliches gegessen, um ihre Verdauung anzuregen. Solche Rituale sollten Sie auch als Tumorpatient beibehalten.
Was empfehlen Sie Patienten, die besonders starke Schmerzmittel einnehmen?
Sie sollten einer Verstopfung von vornherein vorbeugen. Fast allen Patienten unserer Praxis, die mit Opioiden behandelt werden, geben wir auch ein Abführmittel, um die Darmfunktion möglichst aufrechtzuerhalten. Ausgenommen sind beispielsweise Darmkrebs-Patienten, die kurz nach einer Operation ohnehin zunächst eher Durchfall haben. Aber im Lauf der Zeit bekommen auch die ein Abführmittel.
Aber sonst wird doch immer davor gewarnt, Abführmittel zu nehmen. Es soll sogar welche geben, die abhängig machen.
Die Verstopfung ist eine typische Nebenwirkung der Opioide. Alle anderen Opioid-Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit verschwinden in der Regel nach 14 Tagen. Die Verstopfung aber bleibt und kann sogar schlimmer werden. Deshalb müssen Patienten, die diese sehr starken Schmerzmittel benötigen, zusätzlich auch ein Abführmittel nehmen, und zwar genauso lange wie sie die Schmerzmittel einnehmen.
Und die Warnung vor Abhängigkeit gilt für Tumorpatienten nicht?
Sie gilt dann nicht, wenn Sie unsere Empfehlung beachten. Wir empfehlen in erster Linie Macrogol oder Lactulose. Eigentlich sind das keine „harten“ Abführmittel, sondern Verdauungshilfen. Sie greifen nicht in irgendwelche Regulationsmechanismen ein, sondern wirken nach einem einfachen Prinzip: Normalerweise gelangt Wasser vom Darm ins Gewebe, dadurch wird der Stuhl entwässert. Macrogol und Lactulose bremsen diese Entwässerung, es bleibt also mehr Wasser im Darm, und so bleibt der Stuhl weich. Diese Art von Verdauungshilfe macht nicht abhängig. Und sie hat den Vorteil, dass Sie die Dosis nach Ihrem persönlichen Bedarf festlegen können. Aber: Diese Verdauungshilfen funktionieren nur, wenn Sie genügend trinken!
Und wenn die Verdauung trotzdem nicht in Gang kommt?
Dann gibt es eine Art Stufenplan, in dem auch stärker wirksame Abführmittel zum Einsatz kommen. Seien Sie versichert: Keiner unserer Patienten muss mit Verstopfung leben.