Obst und Gemüse unwirksam gegen Krebs?
Schutzeffekt geringer als bisher vermutet - als sicher gilt der Schutz vor Herzkreislauf-Erkrankungen
15. April 2010 - Mit der Veröffentlichung einer neuen Auswertung der EPIC-Studie, einer der größten Ernährungsstudien der Welt, bestätigte sich am 6. April der schon länger gehegte Verdacht, dass Obst und Gemüse wesentlich weniger stark gegen Krebs schützen als jahrelang propagiert wurde.
Fall-Kontroll-Studien in den 1980er Jahren
Die Fakten: In den 1980er Jahren vermuteten renommierte Experten dass etwa 35 Prozent der Krebstodesfälle auf die Ernährung zurückzuführen sind. In den Jahren zwischen 1980 und 1990 schien darüber hinaus eine Reihe von Studien zu bestätigen, dass der Verzehr von Obst und Gemüse vor Krebs schützt. Das Erkrankungsrisiko sollte sich um 10 bis 70 Prozent verringern lassen. Allerdings handelte es sich bei den zugrundeliegenden Untersuchungen um so genannte Fall-Kontroll-Studien. Das heißt, die Ernährungsgewohnheiten von Krebskranken (den „Fällen“) wurden mit denen von Gesunden (den „Kontrollen“) im Nachhinein miteinander verglichen. Aus diesen Datenanalysen ergaben sich meist sehr ähnliche Ergebnisse: Die Gesunden gaben überdurchschnittlich häufig an, viel Obst und Gemüse zu verzehren, die Kranken teilten meist mit, sie hätten zuwenig Obst und Gemüse zu sich genommen.
Dass Studien dieser Art mehr von subjektiven Eindrücken über als vom tatsächlichen Ernährungsverhalten geprägt waren, leuchtet ein. Trotzdem wurde auf Grundlage solcher und ähnlicher Ergebnisse Anfang der 1990er Jahre die Kampagne "5 am Tag" ins Leben gerufen. Danach sollte der Verzehr von fünf Portionen Obst und/oder Gemüse am Tag das Risiko von Krebs- und Herzkreislauferkrankungen erheblich absenken.
Die EPIC-Studie ist prospektiv angelegt
Die Studie European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition - oder kurz EPIC-Studie - untersucht den möglichen Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebsentstehung nach einer anderen Methode: Die Teilnehmer werden entsprechend ihren Ernährungsgewohnheiten in Gruppen eingeteilt und über einen längeren Zeitraum beobachtet, unter anderem hinsichtlich des Auftretens neuer Krebserkrankungen. Diese nach vorne gerichtete Vorgehensweise - erst Gruppeneinteilung und anschließende Beurteilung der Effekte des Ernährungsverhaltens - bezeichnen Experten als "prospektiv". Die EPIC-Studie ist also prospektiv angelegt, und in ihr wurden etwa 400.000 Männer und Frauen über durchschnittlich 8,7 Jahre beobachtet. In dieser Zeit kam es zu annähernd 30.000 Krebserkrankungen. Bei der Auswertung setzten die Wissenschaftler den Verzehr von Obst und Gemüse mit dem Auftreten von Krebserkrankungen in Beziehung. Das Ergebnis: Mit dem Verzehr von 200 Gramm Obst oder Gemüse pro Tag lässt sich das Krebsrisiko lediglich um 3 Prozent reduzieren.
"5 am Tag" macht weiter Sinn
Trotzdem, so die einhellige Meinung von Ernährungsexperten, ist die Empfehlung "5 am Tag" nach wie vor sinnvoll. Denn erstens ist ein wenn auch geringer krebsschützender Effekt nachweisbar und zweitens lässt sich das Risiko von Herzkreislauferkrankungen mit „5 am Tag“ um etwa 30 Prozent absenken. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler bei der Auswertung von zwei anderen maßgeblichen – und prospektiv angelegten - Beobachtungsstudien, der Nurses' Health Study und der Health Professionals' Follow-up Study.
Quellen: Journal of the National Cancer Institute JNCI 2010; doi:10.1093/jnci/djq072 - Deutsches Ärzteblatt, 7. April 2010